10. Januar 2026

Berge, Kurven und Schnee

Der Winter hat die Heimat fest im Griff: ein Schneesturm erschüttert Europa und legt alles lahm, malt alles weiß. Aus Solidarität hieß es für uns: ab in die Berge, wir wollen auch Schneeballschlacht. Wieder einmal enttäuscht allerdings die geographische Namensfindung.

Das Dorf im Krater

Cilaos. So heißt das verschlafene Dörfchen am Fuße des Piton des Neiges. Jener sagenumwobene Gipfel (keine Ahnung, ob er wirklich sagenumwoben ist, aber es klingt poetisch), der schon dem Namen nach Skiabenteuer verspricht. Gipfel des Schnees. Die Steigeisen waren geschärft, die Ski frisch gewachst, es konnte losgehen. Die Reise ist beschwerlich. Cilaos liegt in einem Kraterkessel, eine Zufahrt gibt es nur über einen Pass. Passstraßen, insbesondere an so steilen Vulkanhängen, zeichnen sich durch zahlreiche Kurven und Engstellen aus. Jetzt bin ich schon über den ein oder anderen Pass gefahren, aber gefühlt hatte nicht mal der Pass nach Tagong am Rande Tibets so viele Kurven. Links und rechts und wieder links. Eng hier, warten dort. Für die 20 km braucht man aus dem Tal etwa eine Stunde. Zur Belohnung schaut man auf der anderen Seite…in ein Tal. Na toll. Der erste Blick zum Piton des Neiges: kein Schnee auf dem Gipfel des Schnees. Was das? Wikipedia klärt auf: es liegt nie Schnee dort. Manchmal ein bisschen Raureif. Lag jemals Schnee? Man weiß es nicht. Über 3000 m ist der Berg zwar hoch, aber es schneit dort nicht. Warum man ihn so nennt? Keiner weiß es.

Als wir also durch das 30 Grad warme und weitgehend schneelose Cilaos fuhren, hatten wir wohl eine Kurve zu viel mitgenommen: Nimue kotzte uns zur Belohnung erstmal schön in die Karre. Abgeschnitten von der Welt hatten wir keine Wechselkleidung dabei, nackig konnten wir das geschundene Kind jetzt natürlich auch nicht in die Sonne räumen. Nach rudimentärer Säuberung war uns das Glück aber hold und an einem kleinen Flohmarktstand konnten wir Ersatzklamotten erstehen, die auch noch richtig schick aussahen. Der Franzose weiß eben, wie man sich und seine Kinder stilvoll kleidet. Auf den Schock hatten erstmal alle Hunger. Wir waren allerdings entweder zu früh am Tage unterwegs oder die Hauptsaison einfach vorbei, auf jeden Fall hatten alle Restaurants noch zu. Einzig ein kleiner Imbiss hatte auf. Am Anfang der Nahrungssuche sprachen uns zwar die neckischen Sitzgelegenheiten im Schatten an, aber die Karte war recht dürftig. Nachdem wir das weitere kulinarische Angebot des Ortes aber überprüft hatten, schien es uns aber plötzlich äußerst verlockend.

Der erste Eindruck blieb dennoch richtig: unsere Sandwiches und die Pommes haben den Hunger bekämpft, aber Gaumenfreude fühlt sich anders an. Wir sparten uns die Crêpes, sehr zu Nimues Leidwesen. Nun denn, endlich zog es uns zur Wanderung des Tages: ein Wasserfall musste her (natürlich, was auch sonst). Cilaos, sich selbst als der südlichste anerkannte Kurort der Welt rühmend, hat einen Wasserfall an den alten Thermen im Angebot. Na, wenn das mal nicht unsere Knie geheilt hat, das gute Heilwasser vulkanischen Ursprungs, oder was immer man sich auch davon versprochen hatte. Der Weg war wieder heiß, bergig, aber schön. Immer wieder querte ein kleiner Bach den Abstieg. Die Wasserfälle waren nett, aber im Vergleich nun auch nichts Besonderes. Den Reiz macht die Abgeschiedenheit und die Lage des Ortes im Vulkankrater, das Bergpanorama und die im Laufe des Tages in den Krater drückenden Wolken aus. Wir erfrischten uns ausgiebig im kühlen Wasser unsere Hitpoints waren durch die Kurhaftigkeit der magischen Quellen wieder voll hergestellt. Leider ramponierten wir unsere Körper direkt wieder durch den Aufstieg, bei dem die Kinder natürlich wieder getragen werden wollten. Zurück im Ort gab es noch ein nicht so leckeres Eis und schon waren wir wieder auf dem kurvenreichen Weg zurück. Nimue saß diesmal vorne bei Mama, verschlief aber direkt den Pass zum größten Teil.

Bergpanorama mit Wasserfall am Hang

Der Decathlon auf der anderen Seite der Insel

Drei Decathlons gibt es auf Réunion, falls ihr euch das auch gefragt habt. In unserem Stammdecathlon gab es ja nun keine Wasserschuhe mehr, die wir auch am vorigen Tag trotz Heilquellenwasser schmerzlich (nicht nur im übertragenen Sinne) vermissten. Die Bestandsüberprüfung ergab allerdings, dass die Auswahl im abgelegeneren nördlichen Decathlon bei Saint-Suzanne noch vorhanden sei. Da wir nun schon zwei Tage nicht bei Decathlon waren, war das Ausflugsziel damit gesetzt. In der Nähe von Saint-Suzanne gibt es das Bassin Bœuf, ein vielversprechender - na? - Wasserfall, natürlich. Also konnten wir das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, so der Plan.

Leider ging es Täschi an diesem Morgen schon nicht besonders gut, und es wurde durch die etwa einstündige Fahrt nicht besser. Wir schleppten uns also in den Decathlon zweiter Wahl. Weit und breit keine Heilquelle, die es hätte richten können. Aber: der Onlinebestand war akkurat, es hagelte Wasserschuhe für alle Beteiligten. Leider war mit Täschis zunehmend verschlechterten Zustand kein Rinder Wasserfall zu erwandern. Aber die braunen Schilder an der Autobahn versprachen einen anderen Wasserfall. Jetzt schnallt euch an: Cascade Niagara. Na, bei dem Namen muss man doch da hin. Und das Beste (aufgrund des Gesundheitszustands der Reisegruppe, nicht unbedingt aufgrund der Abgeschiedenheit und Unbekanntheit des Ortes)? Man kann direkt mit dem Auto vorfahren. Gesagt, gefahren. Durch unsere genetisch selbstproduzierten Wecker waren wir sogar recht früh dran und konnten einen Parkplatz ergattern. Ich hab jetzt die Niagara Fälle noch nicht gesehen, glaube auch nicht, dass dieser Wasserfall ernsthaft in derselben Liga spielt, aber es war wieder ein sehr schöner Wasserfall, muss man schon sagen.

Wir konnten schwimmen, Steine ins Wasser werfen, picknicken, Mittagsschlaf machen, fotografieren und eine kühle Brise kühlte uns dabei zusätzlich ab. Im Nachhinein war es dann zwar natürlich doch nicht so schlau, so lange an diesem schattenlosen Platz in der Mittagssonne abzuhängen, aber wir waren auch zu abgekämpft, um schnell etwas zu ändern. Irgendwann zog es uns dann aber doch zurück, eigentlich ziemlich genau, als Nael wieder mal etwas Schlaf brauchte. Zurück in der Ferienwohnung legte sich Täschi dann erstmal ab. Nimue, Nael und ich zogen gen Pool. Nael schien endlich seine Berührungsängste mit dem Wasser überwunden zu haben und begann sogar freudig vom Rand in meine Arme zu springen. Das taten wir dann so ausgiebig, dass er am Ende unserer Poolsession erstmal auch seinen Mageninhalt verteilte. Zunächst nahm ich an, dass er einfach zu viel Poolwasser geschluckt hatte. Allerdings hatte er dieselbe Eingebung abends beim ins Bett gehen noch einmal. Vermutlich war dann der Wasserfall in der prallen Sonne doch zu viel für den kleinen Bubi.