10. Januar 2026

Nichts Als Wasserfälle

Seit einer Woche sind wir nun auf dieser abgelegenen Insel. Hier gibt es nur Wasserfälle. Keine 5 Meter kann man sich frei bewegen, ohne gegen den nächsten Wasserfall zu laufen. Um es in Nimues Worten von heute Morgen auszudrücken: “Boah, nicht NOCH ein langweiliger Wasserfall”. Aber die Wasserfälle sind wun-der-schön!

Ausrüstung ist das halbe Leben

Unser antizyklischer Urlaub in der Hitze stellte uns zunächst vor die Herausforderung, dass wir kein geeignetes Schuhwerk für die Kinder mehr hatten. Die Beiden sind am Ende des Sommers jeweils deutlich gewachsen, deshalb fehlten passende Sandalen. Darum hieß es zunächst einmal Schuhwerk in Saint-Pierre aufzutreiben. Der örtliche Babyausstatter versorgte uns mit besagten Sandalen, die aber eher strand-chic denn wandertauglich waren. Das neue Schuhwerk wollte direkt getestet werden und auf Empfehlung unserer Vermieter steuerten wir den Jardin des Tortues an. Im Schildkrötengarten gab es dann tatsächlich viele Schildkröten. Kleine Schildkröten, große Schildkröten. Schildkröten im Wasser, Schildkröten an Land. Schildkröten, die gerade neue Schildkröten produzierten. Schildkröteneier, Babyschildkröten. Große Schildkröten zum Streicheln und Abschrubben mit Bürsten und Wasser. Wir schauten uns Schildkröten an, wir streichelten Schildkröten, wir schrubbten Schildkröten und hinterher gab es im Schildkrötenimbiss Pommes und Eis (enttäuschenderweise gab es kein schildkrötenförmiges Eis). Durch den Schildkrötensouvenirshop am Ausgang kamen wir ohne ein Schildkrötenkuscheltier oder eine Schildkrötenpostkarte zu kaufen.

Nach der Schildkrötenüberdosis musste mehr Ausrüstung her. Ich bin ja ein Decathlon Opfer, also mussten wir zu Decathlon. Auf der Einkaufsliste standen winddichte Softshells, da die Wetterkarte verriet, dass es in den Bergen durchaus Regen, Wind und lediglich 15-20 Grad haben kann. Zu dem Zeitpunkt glaubte ich ja noch daran, dass wir an unsere Wanderleistung in anderen Urlauben anknüpfen könnten. So kam es (bislang) nicht und die erste Woche war auch geprägt von einer Hitzewelle, sodass die Softshells bislang sinnlos waren. Aber gut, ich wollte unserem Equipment schon lange so etwas hinzufügen, es wird uns schon noch helfen, wenn auch nicht unbedingt in diesem Urlaub.

Vor dem Decathlon gab es dann noch einen netten Spielplatz im Halbschatten, gebaut um die neuen Sportgeräte direkt ausprobieren zu können. Dort verbrachten wir dann noch den verbleibenden Nachmittag, die Kinder kletterten und balancierten fröhlich vor sich hin.

Nun aber Wasserfälle

In unserer Unterkunft liegt praktischerweise der Reiseführer 150 Sorties Marmailles. Dieser umfasst, wie der Name vermuten lässt, 150 Ausflugsziele und Wanderungen speziell für Kinder auf Réunion. “Marmailles” ist ein spezielles Wort des réunionischen Créole und bedeutet “Kinder”. 4 von 5 vorgeschlagenen Ausflügen sind - wie sollte es anders sein? - Wasserfälle. Die einfacheren Wanderungen sind alle etwa unter 2 km weit, aber oft haben es die Höhenmeter in sich. Wie dem auch sei, unser erster Test führte zum Bassin Sassa in dem netten Örtchen Entre-Deux. Es war heiß, wie sich später und die nächsten Tage herausstellte, lag die gefühlte Temperatur in den mittigen 40ern. Der Weg führte an einem Flüsschen entlang, besagtes Flüsschen musste auch einige Male überquert werden. Genau der richtige Auftakt für Klettermaus Nimue, sie fand es großartig. Am Cascade Sassa angelangt erlangten wir ein schattiges Plätzchen zum Planschen im Flusslauf. Leider war der Weg zur “richtigen” Badestelle unten am Wasserfall eingestürzt. Ein kurzes Scouting ergab leider keine anderen kindertauglichen Wege. So mussten wir uns also mit dem Blick von oben auf den Wasserfall begnügen. Ein bisschen traurig waren wir, es sah sehr einladend zum Baden aus, aber wir wussten ja auch noch nicht, wie oft wir in den nächsten Tagen noch in den Genuss von Wasserfallbadelandschaften kommen sollten.

Der Rückweg führte dann durch das wochenendlich-verschlafene Entre-Deux. Die Hitze verlangte nach einem Eis. Zum Glück fanden wir zwischen all den geschlossenen Läden ein Kleinod, in dem wir richtig leckeres selbstgemachtes Mango-, Maracuja und Schokoeis erhielten. Der Tag wurde nach der Rückkehr beschlossen mit ausgiebigem Baden im Pool.

Der nächste Wasserfall

Die Nächte sind früh vorüber. Zwischen 5 und 6 Uhr weckt die Sonne die Kinder, die Kinder wecken uns. Der Kreislauf des Lebens beginnt, der Kreislauf der Eltern hinkt trotz Kaffee hinterher. Heutiger Programmpunkt, Les Trois Bassins. Irritierenderweise sind besagte Trois Bassins nicht am Ravine des Trois Bassins, sondern am Ravine Saint-Gilles. Konsistente Namensgebung geographischer Features nicht die Stärke der Menschheit. Auch diese Wanderung sollte eher kurz aber höhenmeterintensiv sein. Bei sengender Hitze wagten wir also den Abstieg zum Bassin des Aigrettes. Leider ziehen kurze Wanderungen zu den touristischen Highlights natürlich nicht nur uns, sondern auch alle anderen Menschen an. So war es dementsprechend voll und eng auf den verschlungenen Pfaden ins Tal. In diesem Fall aber vielleicht hilfreich: schon am Einstieg des Trails war ein hoher Zaun, der auf die Instabilitäten der Felsen hinwies. Mehrere Absperrungen dieser Art galt es zu überwinden. Wäre niemand anderes durch die Löcher in den Zäunen geschlüpft, hätte es uns vielleicht spätestens bei der dritten Absperrung zum Umkehren bewogen. So war eher Autobahnverkehr und Stau an den Engpässen angesagt, aber man war beruhigt, dass man ggf. nicht alleine sterben würden. Ein Stück des Weges legt man auch in kleinen Kanälen zurück, in denen man schon mal etwas Abkühlung bekommt. Der Wasserfall ist wunderschön.

Langzeitbelichtung eines Wasserfalls

Die Sonne stand wieder einmal im Zenit als wir den Wasserfall erreichten. Daher gab es nur sehr wenige Schattenplätze, die natürlich heiß begehrt waren. Wir planschten und badeten eine Runde im Bassin, aber es gab keinen ausgedehnten Aufenthalt zwischen den engen Felsen. Der Rückweg war zwar nicht länger geworden, aber bedeutend anstrengender: erstens ging es bergauf, zweitens wollten beide Kinder getragen werden. Trotz meines rudimentären Trainingsprogramms daheim machten mir die ~35 kg Marschgepäck (17 kg Kind, 4 kg Kraxe, 3 kg Wasser, undefiniert schwere Fotoausrüstung, Essen, Wickelzeug, Badezeug) bei gefühlten 45 Grad und bergauf zu schaffen. Wir mussten uns wohl weiterhin, insbesondere bei dieser Wetterlage, mit den 2 km Wanderungen begnügen. Das verschloss uns natürlich die abgelegeneren Highlights der Insel. Aber wer weiß, nicht ganz zwei Wochen haben wir noch und es scheint etwas abzukühlen und wir trainieren ja jeden Tag fleißig.

Es folgten ein Eis an der Tankstelle, das Einkaufen im Carrefour, das Baden im Pool und das Abendessen. Die Mangos schmecken wieder ganz anders als zu Hause.

Es gibt auch Strände auf einer Insel

Die Wanderung steckte uns in den Knochen (insbesondere in den Knochen der Knie), die angekündigte gefühlte Temperatur lag immer noch in den 40ern. Ein Strandtag sollte her. Wir legten also die Wasserfallserie zunächst auf Eis und suchten nach Stränden. Das ist auf Réunion nicht ganz einfach. Wie es sich für eine Vulkaninsel gehört gibt es einmal schwarze Strände, die aber natürlich besonders heiß und unschattig sind. Die Strände aus Korallensand sind auch meistens nicht besonders schattig, aber die Hauptschwierigkeit scheinen Haie zu sein. Die nahen Korallenriffe erzeugen zwar Strände und Schnorchelgelegenheiten, locken aber eben auch Haie nah an den Strand. Irgendwie glaube ich zwar nicht, dass Haie, die so küstennah überhaupt noch schwimmen und jagen können, wirklich wild Menschen attackieren, aber auf der anderen Seite muss ich ja meine Kinder nicht fressen lassen (ich schicke sie ja schon in einsturzgefährdete Schluchten). Daher hält man sich wohl besser an die überwachten Strände.

Einen davon hatten wir quasi direkt vor unserer Nase: der Stadtstrand von Saint-Pierre. In den Jardins de la Plage kann man sich mit den Kindern schon aufhalten. Einige Bäumchen spenden Schatten, es gibt echte und künstliche Liegewiesen, die ein bisschen angenehmer sind als der heiße und sandige Sand. Außerdem gibt es als Highlight einen Wasserspielplatz. Diesen nutzten die Kinder ausgiebig und wir konnten im Palmenschatten daneben liegen. So gab es dann den ganzen Tag auch nur einen Ausflug ins echte Meer, aber man kann wirklich innerhalb der ersten 15 Meter des Wassers schon Korallen mit Fischschwärmen erschnorcheln. Es ist jetzt nicht das Great Barrier Reef, aber es ist super zugänglich. Jetzt bin ich denkbar unbewandert in Fischklassifikationen, aber einige “Findet Nemo”-Charaktere kann man entdecken. Gesehen habe ich beispielsweise den Picasso-Drückerfisch, den Honigwaben-Zackenbarsch und den Gemeinen Wimpelfisch. Aber Fischschwärme, lange aalartige Fische; alles, was es braucht, gibt es da zu finden. Nur die Korallen sehen leider nicht so fit aus. Die scheinen auch von den hohen Wassertemperaturen geschädigt, so wie überall auf der Welt.

Gezeichnet von den spitzen Steinen am Strand und den spitzen Steinen an den Wasserfällen führte uns der nächste Stopp zu…Decathlon. Wasserschuhe sollten her. Leider sind wir ja gekommen, nachdem Heerscharen weihnachtsreisender Franzosen auch über die Insel gezogen sind. Wir waren wieder einmal nicht die einzigen, die unvorbereitet ohne Wasserschuhe kamen: im Decathlon unserer Wahl waren die Kinderwasserschuhe restlos leergeräubert. Aber immerhin konnten wir noch ein Eis auftreiben, war die Anfahrt immerhin nicht vergebens.