Höhenmeter - Das Gute-Laune-Barometer
Réunion ist klein, aber oho. OK, das musste einmal sein. Die Insel ist tatsächlich klein. In vier Stunden hat man sie mit dem Auto umrundet, eigentlich braucht man maximal zwei Stunden irgendwohin, außer, man fährt auf irgendwelche Berge hinauf. Aber, trotz der Petitesse, geht einiges. Strände, ein paar (höhö) Wasserfälle, Hochgebirge, Marslandschaft, europäische Almwiesen, Regenwald, usw. usf. Dieses Kleinod des französischen Kolonialreichs ist unfassbar abwechslungsreich.
Feuchtgebiete
Die gibt es also auch noch. Sümpfe, und so - wie soll man sie nennen? - lagunenartige Dinger. Da wo die Wasserfälle irgendwann aufhören zu fallen und als Fluss einfach leidenschaftslos ins Meer fließen, bilden sich an manchen Stellen, ja, so Seen oder sowas halt. Manchmal Sümpfe, manchmal eben so Étangs (das Wörterbuch übersetzt es mit Teich oder Weiher). Einen dieser Weiher, das Étang du Gol hatten wir direkt vor unserer Haustür. Die kurze Anreise bot sich für unseren Ausflug an, da der Morgen mit Pool, Mikado, Sendung mit der Maus und Mittagsschlaf auf Mama in der Hängematte wieder sehr entspannt begann; wir also eher spät loskamen.
Keine Viertelstunde später waren wir also da. Unser treuer Kinderwanderführer empfahl einen kurzen Rundweg. Es sollte Geocaches und Vogelguckgelegenheiten geben. Na, wenn das mal nichts ist. Vielleicht gelänge es mir, mal einen von diesen kleinen roten Vogelkollegen gescheit vor die Linse zu bekommen. Die Landschaft gestaltete sich schon einmal reizvoll. Rechts der (recht groß geratene) Weiher, links davon der Ozean, nur getrennt von ein bisschen steinernem Geröll. Weniger reizvoll gestaltete sich leider Nimue. Ich weiß jetzt schon gar nicht mehr, was genau der Aufhänger war, aber sie hängte sich wieder auf und war nicht zu beruhigen. Kern des Problems war natürlich wieder der Schlafmangel, aber damit braucht man ihr ja so gar nicht zu kommen. Also zogen wir missmutig und schlecht gelaunt los, Nörgeline im Schlepptau. Sie wollte getragen werden, dann nicht, dann wollte sie Wanderschuhe, dann Sandalen. An einer “Flussüberquerung” beschwerte sie sich über Kiesel im Schuh. Sie trug Sandalen. Nachdem sie fein säuberlich die Kiesel entfernt hatte (inklusive Schuhe aus- und anziehen), hatte sie keine vier Sekunden später - oh Wunder - wieder Kiesel in der Sandale.
Neben der schlechten Laune von Nimue war auch ein anderer Widersacher bei uns: die Hitze. Unten am Meer ist es ja brutal heiß. So auch an diesem Tag. 34 Grad zeigte das Thermometer, die gefühlte Temperatur weit in den 40ern. Der felsige und schwarzsandige Untergrund sowie die spärliche Vegetation am Wege taten ihr Übriges, dass unsere Hirne bald sturmreif geschossen waren. Nach also etwa zehn Minuten Wanderung kehrten wir wieder um. Vogelschau sollte heute wohl nicht sein. Immerhin waren wir relativ spät wieder daheim, da wir relativ spät loskamen. So konnten wir noch ein Bauernfrühstück versnacken und immerhin Nimue endlich dem dringen notwendigen Schlaf übergeben.
Also doch Wasserfälle am Berg
Täschi war not amused von der abgebrochenen Wanderung am Vortag und wollte es wissen. Am nächsten Tag sprang sie geradezu aus dem Bett, um uns zum Wandern anzutreiben (kleine dramaturgische Übertreibung meinerseits). Also stürzten wir Hals über Kopf aus der Tür, um unser Tagesziel anzusteuern: das Bassin La Paix und, etwas weiter am Oberlauf, das Bassin La Mer. Ihres Zeichens selbstverständlich Wasserfälle mit kleinen Étangs, die dort aber nun Bassin heißen. Wie auch immer. Die Wanderung sollte etwa 4 km hin und zurück auf die Waage auf den Zollstock bringen. Von unserer Ferienwohnung dauerte die Anfahrt etwa 1,5 h.
Es war tatsächlich eine wundervolle Wanderung entlang der Schlucht. Täschi trailrunnte uns mit Nael in der Trage vorneweg, Nimue und ich keuchten hinterher. Der Weg führte durch die Schlucht, an einem weiteren Wasserfall vorbei. Es gab ordentlich Kletterfelsen und Urwaldbäume für Nimue. Es gab Ausblick auf den reißenden Fluss, auf Wasserfälle und die Berge. Geradezu, um den Vortag vergessen zu machen, glänzte Nimue: sie wanderte die gesamten 4 km auf eigenen Beinen, war vom Auf- und Abstieg zum Bassin La Mer nicht zu schocken und war einfach unfassbar süß. Kein Anfall, pure Freude! Der Abstieg zum Bassin war dann tatsächlich steil, durch Nässe auch sehr rutschig, aber wenn wir nun schon einmal einen solchen Tag erwischt hatten, ließen wir uns auch davon nicht ins Bockshorn jagen.
Der Wasserfall bestand aus fallendem Wasser. Wir picknickten am Bassin, hielten Füße und Schenkel ins Wasser, fotografierten und verloren auf dem Rückweg leider einen von Nimues Badeschuhen. Diese vermaledeiten Scheißtouris, die immer Müll zurücklassen!
Durch Täschis überhasteten Aufbruch war es nun immer noch verhältnismäßig früh am Tag. Als kleines Dankeschön für Nimues überragende Wanderleistung entschieden wir uns zur Abkühlung einen Wasserspielplatz anzusteuern. Ein vielversprechendes Angebot konnten wir in Saint-Denis ausfindig machen. Leider war er wegen Umbau geschlossen. Also, er war geschlossen, und ein Schild wies auf einen Umbau hin, aber vom Umbau war weit und breit nichts zu sehen. Wenn man mich fragt, hätte man ihn im Hochsommer (innerhalb der réunionischen Sommerferien) dann irgendwie auch einfach offen lassen können. Zum Glück hatten wir in einem Park nebenan aber große Rutschen gesehen und konnten diese ansteuern. Es handelte sich um den Parc de la Trinité. Auch dieser war von einem Umbau stark betroffen. Theoretisch hätte es dort auch ziemlich coole Wasserspiele gegeben, aber auch die waren geschlossen. Klar, in den Sommerferien möchte auch niemand seine Kinder abkühlen. Zusätzlich waren die normalen Spielplätze auch geschlossen, wegen Umbau. Versteht sich von selbst. Und der Haupteingang des Parks auch. So mussten wir uns ziemlich weit zum Nebeneingang schleppen. Immerhin die Rutschen, die wir bei der Anfahrt gesehen hatten, hatten geöffnet. Dort wurde dann gerutscht und zum Glück, aufgrund der euphorischen Gefühle von der Wanderung und der allgemeinen guten Laune, war der Wasserspielplatz dann schnell vergessen.
Es stand noch das Einkaufen an, danach gab es das gerade gekaufte Eis auf dem Supermarktparkplatz, und daheim gab es Abendbrot, Duschen, ins Bett gehen. Welch gelungener, schöner Urlaubstag. So sollten sie alle sein!
Der Berg ruft
Ein Verdacht überkam uns: sollte die Laune etwa fortan mit den Höhenmetern zusammenhängen? Vielleicht, weil es kälter ist, je höher man kommt, und die Gemüter abgekühlt werden. Dieser Theorie ging es nachzugehen. Nach unseren okayen, aber nicht überragenden Erlebnissen auf dem Vulkan, steuerten wir heute Le Maïdo an. Von dort sollte es einen wunderschönen Ausblick über die Kante in einen alten Vulkankrater und auf den sagenumwobenen Piton des Neiges geben. Ein kurzer Blick des geschulten Auges in den Himmel versprach, dass es in dieser Richtung keine Wolken gab. Welch hervorragende Aussichten. Leider kann auch das geschulteste Auge nicht um die Ecke der Insel spähen, denn als wir auf dem Weg waren, entpuppte sich die Zielflanke als ziemlich eingewolkt.
Wie wir also wieder einmal 4.392 Kurven emporfuhren, checkte Täschi, ob sie kurzerhand ein alternatives Ziel auftreiben könnte. Konnte sie aber nicht. Also fuhren wir einfach weiter - und war das mal wieder wunderschön, wow. Wir fuhren durch einen Tamarinenwald, eine einzigartige Baumart, die es nur auf Réunion gibt. Jetzt habe ich auch endlich verstanden, warum die alle hier so stolz sind auf ihre Tamarinen. Das sind nu’ aber auch schöne Bäume. Die machen sich gut, so mystisch im Nebel, während man die Serpentinen hochkurvt…tatsächlich sehr, sehr schön. Ähnlich dem Fluss Langevin, an dem sich sonntags ja die eine Hälfte der Bevölkerung der Insel zum Grillen trifft, scheint sich hier im Tamarinenwald die andere Hälfte zu treffen. Und das ist ziemlich smart, ist es dort oben doch angenehm kühl. Also karrt der Réunionaise seine Familie, Pavillons und sein Wohnzimmer am Sonntag eben dort hoch, wenn er sie nicht an den Langevin karrt.
Oben angekommen folgte direkt ein großer Fail. Ich hatte, trotz exakter Anweisung, Täschis Wanderschuhe nicht eingepackt, sondern nur die der Kinder. Wir standen also bei 18 Grad fertig zur Wanderung auf dem Berg, nur Täschi hatte noch Flipflops an. Also keine Wanderung über Stock, Stein und Dornen. Stattdessen: ab auf den “Balkon von Réunion” und…auf eine graue Nebelwand schauen. Erwartbar, trotzdem traurig, konnte man doch in einem kleinen Wolkenloch erahnen, welch Ausblick sich hier oben bieten könnte.
Wir saßen also vor der Nebelwand, hofften auf ein weiteres Wolkenloch, und snackten unser Lunchpaket. Das Wolkenloch kam nicht. Wir latschten noch mal zu einer anderen Aussichtsplattform, wo wir vielleicht ein anderes Wolkenloch hätten erhaschen können. Es kam nicht. Dafür tankten wir ordentlich Karma. Wie wir da so in den Nebel starrten, kippte, vermutlich wegen der Höhenluft, neben uns eine ältere Dame um. Ihr Sohn, natürlich sichtlich geschockt, fragte uns um Hilfe. Täschi war sofort in ihrem Arztmodus. Stabile Seitenlage, diesdas. Ich versuchte zu dolmetschen. Die Dame kam recht schnell zu sich und wir konnten mit einem Schokocroissant (Zucker, für den Kreislauf sagt Frau Doktor), Wasser (hilft eigentlich bei jedem Leiden, außer vielleicht bei einem Bauchschuss, sagt Frau Doktor) und Feuchttüchern (hilft gegen die Kotze auf dem Kleid, sagt Frau Doktor) aushelfen. Die beiden wollten dann keine Hilfe mehr, um zum Auto zurückzugelangen, aber das Fachpersonal riet noch, etwas die Beine hochzulegen. Die Bergwacht in Flipflops hatte ihren Einsatz erfolgreich abgeschlossen und konnte wieder zum Basislager ins Tal aufbrechen.
Einen Geocache sammelten wir noch ein, dann ging es wieder hinab. Auf halbem Wege den Berg hinunter hatten wir schon bei der Auffahrt eine Sommerrodelbahn gesehen. Die wollten wir noch mitnehmen. Zwar wirkte sie etwas in die Jahre gekommen, aber es hat richtig Spaß gemacht, im Regenwald und zwischen Tamarinen den Berg hinunterzusausen. Nimue und Nael haben es natürlich auch gefeiert und zur großen Freude gab es dann noch Crêpes (mit salziger Karamellbutter, lecker!) und Kaffee. Alors, so kann man es sich gut gehen lassen. Die Höhenmeter purzelten, das Thermometer stieg und wir freuten uns alle auf eine Abkühlung im Pool. Die folgte direkt nach unserer Ankunft. Nael “schwimmt” (also, vertraut mittlerweile seinen Schwimmflügeln und macht irgendetwas mit den Beinen und kommt dadurch manchmal sogar an, wo er hinwill), Nimue hatte sich auch heldenhaft ohne Schwimmflügel in den Pool getraut und schwamm uns etwas vor. Täschi und ich machten ein Duell um den schöneren Kopfsprung und die Punktrichterin Nimue kürte meinen Kopfsprung als den Schönsten. Zum Abendessen gab es dann noch Mango Kokosreis in Reminiszenz an unseren Thailand Urlaub. Auch das wieder ein gelungener Tag. Die Höhenmeter regeln wohl also.










